Vom Brotjob zum Buch: Dark Fantasy, Erotik und ich
- Tim Osborne
- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Am Anfang war … nein, nicht das Wort, sondern der Frust. Die Zufriedenheit mit meinem Brotjob hielt sich hartnäckig auf dem absoluten Nullpunkt, und ich musste Wege finden, mit dieser Situation umzugehen. Die Entscheidung, die ich schließlich mit ordentlich Wut im Bauch traf, war simpel: Ich ordnete meine Prioritäten neu. Arbeiten musste ich – schließlich brauchte ich das Geld. Aber der Job sollte nicht länger der zentrale Bestandteil meines Lebens sein; ich wollte etwas anderes, für mich Wertvolles, gleichwertig danebenstellen. Dass es das Schreiben von Romanen sein würde, war mir von Anfang an klar. Es war ein Wunsch, der mich seit Jahrzehnten umtrieb.
Damit aus der Idee auch Praxis werden konnte, setzte ich auf einen schnellen Einstieg. Ich wollte vorerst keine weitere Denkarbeit in eine Urban-Fantasy-Idee investieren, die zwar seit Jahren durch meinen Kopf spukte, aber nie genug Form annahm, um wirklich auf dem Papier zu landen. Nein – damit meine Strategie aufgehen konnte, brauchte ich rasch greifbare Ergebnisse. So entstand Torak – Götterstreit: ein Gasthaus im Wald, ein Protagonist – und schon konnte ich die ersten Seiten schreiben. Die Story sollte sich zunächst einfach entwickeln. Und weil ich gerade so schön dabei war, alte Mauern einzureißen, gehörten Sex und Gewalt für mich dazu. Und schon war ich beim Genre der Dark Fantasy (mit erotischem Beiwerk).
Letztlich hat also eine Entscheidung im Affekt Toraks Geschicke gelenkt. Rückblickend bin ich nicht unglücklich darüber. Sexualität ist eine Triebfeder des Lebens. Und gerade die Verbindung von Fantasy mit Erotik ermöglicht es, ausgetretene Pfade zu verlassen. Warum sollte es in einer fiktiven Welt nur den altbekannten Blümchensex geben? Man darf doch annehmen, dass sich in diesem Bereich mindestens genauso viel Fantastisches entwickelt hat wie in der übrigen Welt. Und dass nicht jede Lebensform nett und freundlich sein muss, liegt – ein Blick in die reale Natur reicht – auf der Hand. Hier wird gelockt, getäuscht, betrogen und gemordet, was das Zeug hält. Warum sollte es in meiner Welt also nicht Wesen geben, die von Sex leben? Und die dabei rücksichtslos jene töten, die ihrer Verlockung erliegen.
Beim Schreiben stolperte ich dann schnell über ein ganz handfestes Problem: die Wahl geeigneter Begrifflichkeiten. Wörter – etwa für das männliche Genital – gibt es wie Sand am Meer. Wenn man allerdings weder blumige Synonyme (Schwert, Dödel, Flöte etc.) noch medizinisch anmutende oder allzu derbe Begriffe verwenden möchte, schrumpft die Auswahl merklich. Und eine einzige Bezeichnung reicht nicht – sonst wimmelt der Text vor Wiederholungen.
Auch die KI ist bei diesem Thema keine Hilfe. Man merkt rasch: Sie könnte, wenn sie dürfte. Der eingebaute Zensurmechanismus würgt sie jedoch ab – selbst dann, wenn man nur die Zeichensetzung geprüft haben möchte. Es gibt verschiedene Stufen dieses Widerstands: von extrem wortkargen Antworten über »Ich fühle mich bei der Beantwortung deiner Frage nicht wohl« bis hin zu einer Verwarnung („Dein Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen wurde dokumentiert!“). Wenn man trotzdem nicht auf KI-Unterstützung verzichten möchte, bleibt nur temporäre Selbstzensur: »Beherzt griff sie nach seinem … äh … Finger.« Macht wenig Sinn, funktioniert aber.
Wie explizit man schreibt, ob Erotik eher schmückendes Beiwerk bleibt oder zum Hauptbestandteil wird – oder ob man in Richtung Pornografie abdriftet (explizite Schilderungen ohne tragende Rahmenhandlung) –, ist am Ende eine Autorentscheidung. Im Grundsatz ist man beim Schreiben freier, als viele denken, solange klar ist, dass Jugendliche nicht adressiert oder gefährdet werden. Für mich war jedenfalls von Anfang an klar, dass die Fantasy-Story im Vordergrund stehen muss – und dass es auch bei erotischen Szenen Grenzen gibt. Gleichzeitig verstehe ich, dass gerade bei diesem Thema jeder Leser seine eigenen Vorstellungen hat. Wie auch immer man es angeht: Es reduziert die Massentauglichkeit.

Und selbst wenn ich eben von Freiheiten gesprochen habe – beim Cover ist schnell Schluss. Amazon ist der wichtigste Marktplatz für Selfpublisher, und alles, was auch nur nach Nacktheit oder sexualisierter Darstellung aussieht, kann dort sehr geblockt werden – meist mit einer wenig aussagekräftigen Nachricht. Dann steht man da mit einem teuer bezahlten Cover und muss dem Grafiker erklären, dass eine (kostenpflichtige) Revision nötig ist, weil der Ausschnitt der Protagonistin am Ende doch zu tief war.


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