Fantasy ist nicht gleich Fantasy – Ein Guide durch die Sub-Genres
- ulrikandresen0
- vor 1 Stunde
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Wie so vieles ist auch die Welt der Fantasy-Literatur einem permanenten Wandel unterlegen. Schon seit etwa zwei Jahrzehnten gibt es Trends, die von den Autoren exzessiv bedient werden und von den Lesern genauso unersättlich konsumiert werden. Stand man zum Beispiel vor fünfzehn Jahren vor dem (winzigen) Fantasy-Regal einer beliebigen Buchhandlung, wurde hier das Thema Vampir-Romance exzessiv zelebriert.
Hierauf folgte eine nicht ganz so eindeutige Urban-Fantasy-Welle, dann kam die Gestaltwandler-, Werwolf- und „Pack« (Rudel)-Romance. Nachdem die Leser schließlich alles Lesenswerte über Alphas, Mates und Rudel erfahren hatten, folgten, inzwischen (und bis heute) mit Tiktok als Trendgenerator, die New-Adult Bücher, dann die Fae und heute – inzwischen komplette Wände der Buchhandlungen füllend – Romantasy.
Bei so viel (und noch mehr) Auswahl ist es nur naheliegend, dass es den universellen Fantasy-Leser genauso wenig gibt wie das Buch, das allen Lesern gefallen wird. So wird die Romantasy-Leserin üblicherweise mit den Klingen der Rache (Joe Abercrombie) ebenso wenig anfangen können wie Epic-Fantasy-Konsumenten mit dem Schmachtfetzen (sorry, sehr persönliche Einordnung) Alchemised (SenLinYu), auch wenn es in diesem anfangs hart zur Sache geht.
Um leidvolle Fehlgriffe zu vermeiden, ist es also wichtig, den eigenen Geschmack und die Sub-Genres zu kennen, die diesen bedienen. Sonst könnte es zum Beispiel geschehen, dass man zu einem Buch wie Torak greift, in der Annahme, dass ein jugendlicher Held auf der Suche nach Identität, Ruhm, Beziehungen und Erotik sicherlich die Kategorie New Adult bedient. Böser Fehler 😱.
Damit ihr also zukünftig nicht (wieder) im falschen Regal suchen müsst, hier eine Auflistung der wichtigsten Fantasy-Kategorien (Achtung: Vieles überschneidet sich).
Nach der Welt 🌍
High Fantasy (Epische Fantasy) ⚔️
Die Handlung spielt in einer wohl definierten, sich von unserer Welt unterscheidenden Umgebung. Typisch ein frühmittelalterliches Umfeld, aus dem oft bestimmte Inhalte (z. B. Politik oder Religion) weitgehend entfernt sind, während es mit anderen Dingen, wie zum Beispiel Magie, fremden Lebensformen (z. B. Drachen oder Trolle) in moderatem Maß angereichert wurde. Die Helden haben oft eine abenteuerliche Quest zu erledigen. Auch epische Schlachten sind ein Merkmal dieser Welt.
Typische Vertreter: J. R. R. Tolkien (*Der Herr der Ringe*), Sam Feuerbach (*Der Totengräbersohn*), Robin Hobb (*Die Chronik der Weitseher*), Tad Williams (*Der Drachenbeinthron*)
Low Fantasy 🗡️
Eine konkrete Abgrenzung fällt hier deutlich schwerer als bei der High-Fantasy; die Definitionen sind zum Teil sogar widersprüchlich (siehe deutsche vs. englische Wikipedia). Auf jeden Fall ist »Low« in beiden Varianten nicht negativ zu sehen.
Low Fantasy - Definition 1 (ältere Definition)
Low-Fantasy spielt nicht (wie High-Fantasy) in einer speziellen, fantastischen Welt sondern in unserer realen Welt, die sie um fantastische Elemente ergänzt (also sogenannte Urban Fantasy).
Typische Vertreter: H. P. Lovecraft (*Der Ruf des Cthulhu* – streng genommen eher Horror / Weird Fiction, aber mit starken fantastischen Elementen), Jim Butcher (*Die dunklen Fälle des Harry Dresden*)
Low Fantasy - Definition 2 (neuere, verbreitetere Definition)
Während High Fantasy klar episch, mythisch, gut-gegen-böse ist, fehlt in der Low-Fantasy diese klare Trennung. Auch die Helden sind oft zwiespältig (»grau«, dreckig, zwiespältig) und es geht nicht unbedingt um die Rettung der Welt, sondern um persönliches Schicksal.
Typische Vertreter: George R. R. Martin (*Das Lied von Eis und Feuer*), Joe Abercrombie (*Die Erste Klinge*). Augenscheinlich wenige deutsche Autoren.
Portal Fantasy 🚪
Der Protagonist gelangt aus unserer Welt (oder einer anderen Ausgangswelt) in eine fremde, fantastische Welt. Oft dient ein magisches Objekt oder ein Ort als Übergang. LitRPG (siehe unten) ist in gewisser Hinsicht eine moderne Spielart der Portal Fantasy.
Typische Vertreter: C. S. Lewis (*Die Chroniken von Narnia*), Stephen R. Donaldson (*Die Chroniken von Thomas Covenant*)
Nach Ton / Thematik 🎭
Dark Fantasy 🌑
Dark Fantasy bewegt sich tendenziell (aber nicht zwingend) an der Grenze zum Horror mit düsteren Welten, moralischer Uneindeutigkeit und oft expliziter Gewalt.
Typische Vertreter: Stephen King (insbesondere *Der Dunkle Turm*), Andrzej Sapkowski (*Der Hexer* / *Die Witcher-Saga*), Steven Erikson (*Die Gärten des Mondes*, Serie: *Das Spiel der Götter*)
Grimdark 💀
Grimdark überschneidet sich mit Dark Fantasy und Low Fantasy, hat sich aber als eigenständiges Label etabliert. Kennzeichnend sind moralisch ambivalente (oder offen amoralische) Figuren, realistische und oft brutale Gewaltdarstellung, ein zynischer Grundton und das Fehlen jeder klaren Gut-gegen-Böse-Struktur. Es gibt keine strahlenden Helden – und wenn doch, überleben sie selten lange.
Typische Vertreter: Joe Abercrombie (*Die Klingen der Rache*, *Die Erste Klinge*), Mark Lawrence (*Prinz der Dunkelheit*), R. Scott Bakker (*The Darkness That Comes Before*)
Romantic Fantasy / Romantasy 💋
Wie der Name schon sagt. Eine Liebesbeziehung steht oft im Vordergrund beziehungsweise hat einen ähnlich hohen Stellenwert wie die Rahmenhandlung. Oft starke weibliche Protagonisten, der männliche Antagonist wandelt sich manchmal in vorhersehbarer Weise zum Partner der Heldin (»Enemies to lovers«). Wenn wir schon bei den Anglizismen sind: Hier passt auch »Forbidden Love« und »Slow burn«.
Ich sehe gerade: Thalia beschreibt diese Kategorie als »Liebesromane mit Fantasy« (und nicht umgekehrt).
Typische Vertreter: Sarah J. Maas (*Das Reich der sieben Höfe*), Rebecca Yarros (Fourth-Wing-Bücher)
Sword & Sorcery 🗡️✨
Die älteste Fantasy-Tradition neben Tolkien: Ein einzelner Held – oft Kämpfer, Söldner oder Dieb – bestreitet persönliche Abenteuer statt die Welt zu retten. Schnelle Action, wenig Welterklärung, ein rauer, abenteuerlicher Ton. Die Grenzen zur Low Fantasy sind fließend, doch Sword & Sorcery hat eine eigene, ältere Tradition.
Typische Vertreter: Robert E. Howard (*Conan*), Fritz Leiber (*Fafhrd und der Graue Mausling*), Michael Moorcock (*Elric von Melniboné*)
Erotische Fantasy 🔥
Erotik in der Fantasy existiert als Spektrum: Am einen Ende stehen Bücher mit „Fade to Black« – die Tür geht zu, der Rest bleibt der Vorstellung überlassen. Dann gibt es »spicy« Romantasy mit expliziten Szenen, die aber nicht den Kern der Handlung bilden. Einen Schritt weiter geht Fantasy, in der Sexualität tief ins Worldbuilding und die Figurenentwicklung integriert ist. Und am expliziten Ende findet sich Fantasy Erotica, wo die erotischen Szenen mindestens gleichrangig neben der Handlung stehen und die (insbesondere bei zu wenig Handlung) potentiell gefährdet ist, in Pornografie abzugleiten. Auf BookTok und in der Romantasy-Community hat sich dafür das „Spice Rating« etabliert (oft mit Chili-Symbolen 🌶️ von 0 bis 5), das inzwischen auch von manchen Verlagen übernommen wird.
Typische Vertreter: Jacqueline Carey (Kushiel Reihe – Erotik als integraler Bestandteil des Worldbuildings), Anne Bishop (*Die schwarzen Juwelen*)
Nach Zielgruppen 🎯
Young Adult Fantasy 🌱
Richtet sich an Leser zwischen zwölf und achtzehn Jahren. Oft eher gradlinige Handlung. Protagonisten in ähnlichem Alter, oft als Ich-Erzähler. Identitätsfindung, erste Liebe, Rebellion gegen Autoritäten und das Finden des eigenen Platzes in der Welt. Gewalt und Sexualität werden angedeutet, aber nicht explizit ausgestaltet.
Typischer Vertreter: Christopher Paolini (*Eragon*), Jonathan Stroud (Bartimäus-Reihe)
New Adult Fantasy 🦋
Protagonisten im Alter von etwa 18 bis 25 Jahren. Thematisch kreist es um den Übergang ins Erwachsenenleben: Identitätsfindung, erste ernste Beziehungen, sexuelle Selbstfindung – aber expliziter als Young Adult. Teils starke Überschneidung mit Romantasy. Auf BookTok einer der dominierenden Trends der letzten Jahre.
Typische Vertreter: Sarah J. Maas (*Das Reich der sieben Höfe* – je nach Lesart auch Romantasy), Jennifer L. Armentrout (**Aus Blut und Asche*)
Nach Erzählmotiv 🧭
Coming of Age Fantasy 🐣
Keine Fantasy für eine spezifische Altersgruppe, sondern ein erzählerisches Motiv. Die Figur reift im Rahmen der Handlung z. B. vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Dabei kann das Buch klar für Erwachsene geschrieben sein (incl. expliziter Inhalte).
Typische Vertreter: Tolkien (Frodo in *Der Herr der Ringe*), Patrick Rothfuss (*Der Name des Windes* / Königsmörder-Chronik, sehr lesenswert)
Nach Erzählstruktur / Mechanik ⚙️
LitRPG / Literary Role-Playing Game 🎮
Der Protagonist gerät in eine Welt, in der er, ähnlich wie bei Rollen- oder Videospielen, levelweise aufsteigen muss beziehungsweise sich in Stärke, Ausdauer oder Magie in Form numerischer Werte weiterentwickelt.
Ein schnell wachsender Markt, bei dem die literarische Qualität manchmal auf der Strecke bleibt.
Typische Vertreter (im positiven Sinne): Vasily Mahanenko (*Der Weg des Schamanen*), Matt Dinniman (*Dungeon Crawler Carl* – NYT-Bestseller, über sechs Millionen verkaufte Exemplare), vielleicht auch Karl Olsberg (*Würfelwelt* – eher Jugendbuch, Minecraft-basiert).
Alles klar? Oder nur erfolgreich verwirrt?
Machen wir die Probe auf Exempel: Wo steht Torak?
Gute Frage. Erinnert ihr euch an den »bösen Fehler« von weiter oben? Torak ist kein New Adult. Torak ist auch keine Romantasy, obwohl es dort Beziehungen gibt, bei denen es einem nicht nur warm ums Herz wird. Es ist auch kein reines High Fantasy, obwohl die Handlung in einer eigenen Welt spielt, in der sich Götter in die Angelegenheiten der Sterblichen einmischen.
Wenn ich ehrlich bin – und das sollte man als Autor seines eigenen Buches zumindest versuchen –, dann ist Torak ein Bastard 🐺. Im besten Sinne. Die Welt ist High Fantasy ⚔️, der Ton ist Dark Fantasy 🌑, die Erotik 🔥 ist kein Beiwerk, sondern Teil dessen, wie diese Welt funktioniert, und im Kern erzählt die Trilogie eine Coming-of-Age-Geschichte 🐣: Ein junger Fee, der herausfinden muss, wer und was er ist – in einer Welt, die ihm dabei nicht unbedingt wohlgesonnen ist.
Wer also epische Schlachten ohne Konsequenzen sucht, ist hier falsch. Wer Romantasy mit Happy-End-Garantie braucht, ebenfalls. Aber wer sich auf eine düstere Welt einlassen will, in der Götter intrigieren, Erotik die tragende und manchmal verräterische Rolle spielt, die ihr auch in unserer Realität zukommt, und Helden nicht unbedingt die Guten sind – der darf gerne zugreifen.



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