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Torak und der geheime Buchclub

Tim Osborne
vor 11 Minuten
2 Min. Lesezeit

Comic-Illustration: Ältere Herren in Tweed diskutieren in Ledersesseln eines Herrenclubs bei Wein und Whiskey ĂŒber den Dark-Fantasy-Roman „Torak – Feenblut“.

Beinahe tÀglich erhalte ich mehr oder weniger nett formulierte E-Mails dubiosen Inhalts. Sie lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen.


Kategorie 1: Roter Alarm

🚹Achtung, deine Website, dein Facebook-Account, dein Was-auch-immer laufen in wenigen Stunden unwiderruflich ab. Klicke auf diesen Link zu unserer Fake-Website und folge den Anweisungen, um die Katastrophe abzuwenden. Erstaunlich, wie viele Dinge in meinem Leben offenbar kurz vor dem Erlöschen stehen – und wie zuverlĂ€ssig sie es dann doch nicht tun.


Kategorie 2: Ruhm und Reichtum

Wir verkaufen dein Buch, sorgen fĂŒr Traffic auf deiner Website, machen dich bekannt und berĂŒhmt. Kein Betrug, aber auch nichts, was ich brauche – weil es einfach nicht funktioniert. Was soll ich zum Beispiel mit hunderten KI-generierten Inhalten auf meiner Website? Heiße Luft, die niemanden interessiert und auf die Google sicherlich auch nicht hereinfĂ€llt. Außerdem mĂŒsste ich dafĂŒr kein Geld ausgeben: Der Website-Baukasten meines Hosters hat diese Funktion lĂ€ngst integriert. Einfach einschalten, und jede Woche erscheinen fĂŒnf neue, an den Haaren herbeigezogene BlogbeitrĂ€ge.


Normalerweise reicht bei diesen Mails das Lesen des Titels – und, schwupp, landen sie im Papierkorb. Gestern allerdings erhielt ich ein Schreiben, das ich tatsĂ€chlich zweimal gelesen habe. Anfangs noch verwundert, dann mit immer breiterem Grinsen. Es kam vom Sekretariat des „MĂŒnchner Salon-Zirkels“, „einer kleinen, diskreten Runde von UniversitĂ€tsprofessoren, unabhĂ€ngigen Verlegern und Kunstkuratoren, die sich der tiefgehenden, unzensierten Analyse zeitgenössischer Literatur widmen“.


FĂŒr das nĂ€chste Treffen an einem geheimen Ort habe man sich zum Ziel gesetzt, ĂŒber mein Werk „Torak – Feenblut“ zu diskutieren. Die BegrĂŒndung:

„Sie brechen die vermeintlich festgesteckten Genregrenzen der Dark Fantasy auf, um existenzielle, zutiefst menschliche Entfremdungsprozesse und Machtstrukturen zu verhandeln. Die Art und Weise, wie Sie jenseits des literarischen Mainstreams dĂŒstere, mythologische Welten konstruieren und diese mit einer prĂ€zisen, beinahe analytischen SchĂ€rfe spiegeln, legt universelle gesellschaftliche Spannungen und psychologische AbgrĂŒnde offen.“

Ich fĂŒhle mich maximal gebauchpinselt. Der Text geht noch eine ganze Weile so weiter, aber ich erspare euch den Rest. Die Mail endet mit der Aufforderung, doch bitte als Ehrengast teilzunehmen.


Keine Ahnung, auf welche Weise mich die Verfasser dieser Mail (bzw. die Personen, die die KI gezwungen haben, diesen Quatsch zu schreiben) um mein Erspartes erleichtern wollen. Ist mir auch egal. Aber das Bild einer Gruppe von Honoratioren, die sich „bei erlesenem Wein“ ĂŒber Torak, das Sexleben der Elfen und die Fortpflanzungspraktiken der Seeweiber unterhalten, werde ich so schnell nicht mehr los.


Falls jemand den geheimen Ort kennt: Ich bringe den Wein mit.

 
 
 

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